Gitarristinnen und Gitarristen kennen das Problem seit Jahrzehnten: Eine Gitarre ist sauber gestimmt, die Leersaiten zeigen perfekte Werte, doch sobald gegriffen wird,
entstehen Reibungen, Schwebungen, subtile Dissonanzen. Akkorde „kippen“, einzelne Töne stehen unruhig im Klangbild, selbst bei hochwertigen Instrumenten. Man arrangiert
sich damit – oder man sucht lange weiter. Doch warum eigentlich? Und warum gibt es bis heute keine App, die dieses Problem systematisch löst?
Das blinde Fleckchen der Stimmgeräte
Der Markt ist voll von Stimm-Apps, Clip-Tunern und High-End-Geräten. Sie alle leisten im Kern dasselbe: Sie messen die Grundfrequenz eines Tons und gleichen sie mit einer
Referenz (meist A = 440 Hz) ab. Was sie nicht leisten, ist eine musikalisch relevante Bewertung des gesamten Instruments über das Griffbrett hinweg.
Eine Gitarre besteht nicht aus sechs idealen Saiten auf einem neutralen Träger. Sie ist ein komplex schwingendes System. Mensur, Sattel, Stegeinlage, Bundpositionen,
Halskrümmung, Saitenstärke, Halsstab (wenn vorhanden), Material, Deckenresonanzen und sogar die Art der Abrichtung der Bünde beeinflussen, wie ein gegriffener Ton
tatsächlich klingt. Viele dieser Einflüsse zeigen sich nicht im Leerlauf, sondern erst im realen Spiel.
Dissonanzen aus der Konstruktion
Problematisch sind dabei nicht nur klassische Einstellungsfehler – etwa ein zu hoher Sattel, eine ungenaue Stegeinlage oder schlecht platzierte Bünde. Auch konstruktive
Eigenheiten führen zu klanglichen Abweichungen:
Über- und Unterschwingungen, die bestimmte Obertöne verstärken oder dämpfen
Dead Spots oder resonanzbedingte Tonverzerrungen in bestimmten Lagen
Inharmonizität, bei der Obertöne nicht mehr im idealen ganzzahligen Verhältnis zur Grundfrequenz stehen
Oder ganz typische Verzerrungen eines Tons, obwohl man ihn perfekt spielt
Das Resultat: Töne, die objektiv „gestimmt“ sind, aber subjektiv und musikalisch als unsauber wahrgenommen werden.
Die naheliegende Idee: Eine Ton-Check-App
Die Vision ist eigentlich bestechend einfach: Eine App, die nicht nur die Leersaite misst, sondern jeden einzelnen Ton auf dem Griffbrett. Sauber gestimmt, sauber gegriffen,
Ton für Ton. Die App analysiert die reale Tonhöhe, erkennt Instabilitäten, Schwebungen oder systematische Abweichungen und ordnet sie verständlich ein – etwa in einem
grünen, gelben oder roten Bereich.
Grün: musikalisch stabil, unkritisch
Gelb: leichte Abweichung, kontextabhängig hörbar
Rot: klar problematisch, dissonanzanfällig
Nicht angeschlossen an einen Verstärker, sondern rein akustisch über das Mikrofon des Smartphones. Direkt im Musikgeschäft. Ohne Verkaufsdruck. Ohne Einbildung.
Warum gibt es das noch nicht?
Die kurze Antwort: weil es technisch anspruchsvoller ist, als es auf den ersten Blick scheint.
Ein Ton ist mehr als eine Frequenz
Eine App müsste nicht nur die Grundfrequenz erkennen, sondern auch deren zeitliche Stabilität, das Obertonspektrum und die Schwebungen zwischen Teiltönen. Das geht weit
über klassische Tuner-Algorithmen hinaus.
Greifdruck und Spielweise variieren
Ein gegriffener Ton ist abhängig vom Druck, vom Winkel, vom Spieler. Eine sinnvolle App müsste diese Variablen berücksichtigen oder zumindest klar definieren, unter welchen
Bedingungen gemessen wird.
Was ist „gut genug“?
Absolute Reinheit existiert auf der Gitarre nicht. Die Herausforderung besteht darin, musikalisch relevante Toleranzen zu definieren – nicht mathematische Ideale.
Marketing schlägt Realität?
Der Gitarrenmarkt lebt gut von Mythen, Holzromantik und Markenimages. Eine App, die objektiv zeigt, dass ein teures Instrument konstruktive Schwächen hat, wäre für manche
unbequem.
Warum Entwickler trotzdem darüber nachdenken sollten
Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung – und Chance. Eine solche App wäre kein Gadget, sondern ein Werkzeug zur Aufklärung. Für Musikerinnen und Musiker, für
Gitarrenbauer, für Händler. Sie würde helfen, Qualität transparent zu machen, statt sie nur zu "behaupten".
Man stelle sich vor, man geht in Zukunft mit dem Smartphone ins Musikgeschäft, spielt jede Saite, jeden Bund, und erhält ein klares, reproduzierbares Klangprofil des
Instruments. Nicht als Urteil, sondern als Information. Die Entscheidung bliebe musikalisch – aber sie wäre fundiert.
Fazit
Dass es eine solche App noch nicht gibt, liegt nicht an fehlendem Bedarf, sondern an der Komplexität des Problems. Doch gerade deshalb wäre sie ein Meilenstein. Nicht, weil
sie die perfekte Gitarre verspricht, sondern weil sie endlich sichtbar macht, wo und warum Instrumente klanglich überzeugen – oder eben nicht.
Die Frage ist also nicht, ob man darüber „noch intensiver nachdenken kann“.
Die Frage ist, welcher Entwickler den Mut hat, es wirklich zu tun.